So also sah ein König aus. Nur mühsam verbarg Capitano Claudio sein Staunen. Er hatte immer geglaubt, Könige hätten etwas Majestätisches, Hoheitsvolles an sich. Schliesslich hatte er noch nie ein gekröntes Haupt persönlich kennen gelernt. Er kannte derartige Persönlichkeiten nur aus den Blättern, die seine alte Mutter früher immer beim Friseur las. Und jetzt also stand er so einem richtigen König leibhaftig gegenüber. Irgendwie war er voll enttäuscht.
Der Blick des Insel-Königs war verschleiert. Kein Wunder, hatte er sich doch schon vor dem Frühstück eine gewaltige Rolle gebaut gehabt. Karú homegrown. Gleich hinter dem "Palast" wuchs das Kraut mannshoch. Und es sah aus, als würde es dort schon seit Menschengedenken wild Schatten und bunte Träume spenden. Ein fantastischer Urwald auf einer glücklichen Insel.
Allzeit breit war er, der König, und dennoch stets todtraurig. Er langweilte sich in seinem Paradies. Und als Capitano Claudio mit seiner "Triana" in die Lagune von Karú einlief, da witterte der König seine Chance. "Kannst du mich nicht mitnehmen und irgendwo absetzen, wo was los ist ?" fragte er den alten Fahrensmann. Capitano Claudio, eigentlich ja lieber allein unterwegs, liess sich "breit"-schlagen seine Königliche Hoheit als Passagier mitzunehmen. Gemeinsam packten sie das Vorschiff voll mit "Karú homegrown" und dann segelten sie auf einer lila Wolke in den Sonnenuntergang hinein.
Ob es nun Manila war oder Bora-Bora, Vatu Hiva oder Tahiti - man weiss es nicht mehr. Aber in einem dieser pulsenden, erotisch aufgeladenen, lauten und lebensfrohen Häfen der Südsee war es, wo der König von Karú wieder abmusterte. Er hinterliess Capitano Claudio eine handschriftliche Urkunde, die ihn zum Herrn über Karú und Nachfolger auf dem Thron der paradiesischen Insel machte. Dann steckte er sich die Gegenleistung, ein Bündel Dollarnoten, in die Jeans, verschwand im Haus "zur roten Laterne" und ward fortan nie wieder gesehen.
Capitano Claudio verstaute die königliche Erbschaft bei all seinen vielen anderen Papieren im Kartentisch seiner Navigation, machte einen kurzen Eintrag im Logbuch und hatte den Herrscher von Karú und dessen Königreich - das nach Recht und Gesetz ja nun ihm gehörte - schon bald zwischen all seinen anderen Erlebnissen und Abenteuern wieder vergessen.
Erst jetzt, nachdem er sich - alt und müde geworden - auf der kleinen Atlantik-Insel “La Gomera” niedergelassen hat um seine Memoiren für den “Valle-Boten” zu schreiben, erst jetzt erinnert er sich plötzlich wieder an jenes paradiesische Königreich, dessen Rechtsnachfolger er ja seinerzeit geworden war.
Gern würde er ja wieder einmal dorthin segeln. Und sei es nur um nachzuschauen, ob sein “Urwald” noch weiter gewachsen war. Aber wahrscheinlich würde es ihm dann dort ähnlich ergehen, wie es dem ursprünglichen König ergangen war. Er würde sich nach einiger Zeit zu Tode langweilen.
Und die Insel anderen öffnen ? Dort ein neues Aussteiger-Paradies gründen ? Da würden dann doch früher oder später TUI und Neckermann, Tjaereborg und Thomson gleich wieder mit Horden von Pauschaltouristen einfallen. Oder RTL und Sat1 würden dort Pseudo-Robinsons aussetzen und dabei filmen, wie die sich gegenseitig in die Haare kriegten. Nö. Darauf hatte der olle Sailor aber nun wirklich keinen Bock. Und wer will ihm das verdenken ?
Was anderes wäre, die Insel nur einer begrenzten Zahl von Eiländern zugänglich zu machen. Und auch das nur virtuell. Im Internet. So könnte ihm dann wenigstens keiner die Bananen platt treten und heimlich den ganzen Urwald wegkiffen.
Und so gründete Capitano Claudio das “virtuelle Königreich Karú”. Ein abenteuerliches Paradies für alle, die eine letzte Zuflucht im Mainstream der Massen einer ferngesteuerten Konsumgesellschaft suchen. Menschen wie Du und ich eben. Und dieses Königreich findet Ihr jetzt hier. Ihr seid herzlich willkommen.

Karú ist zu 90% noch völlig unerforscht. Tropische Vegetation bedeckt den grössten Teil der Insel.
Die höchste Erhebung ist der “Pico” mit 2.145 m. Im Ostteil der Insel verläuft der Fluss “Karú-River”. Er entspringt irgendwo in den Bergen, bildet einen See, stürzt sich von dort aus in Kaskaden herab und mündet in einem sumpfigen Delta, das von zahlreichen vorgelagerten Sandbänken begrenzt wird.
Ein kleines Bergdörfchen (natürlich verlassen) liegt oben am See. Es ist nur zu Fuss in zwei Tagesmärschen zu erreichen. Im Süden der Insel gibt es eine große Lagune. Die Einfahrt ist sehr schwierig, weil zahlreiche Klippen und Untiefen davor liegen. Am südöstlichen Ufer der Lagune liegt die “Hauptstadt” mit dem (verfallenen) ehemaligen Königspalast. Gleich davor ein gut geschützter Hafen.
Von der Hauptstadt aus verläuft eine Piste um die Lagune herum, dann durch hügeliges, fruchtbares Agrarland hindurch bis zur Nordküste. An der Nordküste - direkt am Strand - ist ein Siedlungsgebiet ausgewiesen, wo sich virtuelle Neubürger ansiedeln können. 
Im Südwesten der Insel liegt “Paradise-Beach”. Hierher führt nur ein schmaler Fusspfad, und unter den Palmen können Freaks ihre Hängematten aufhängen. Für den Rest ihres Lebens, wenn sie das wollen.
Da Capitano Claudio keinen Wert auf die Ausübung seiner monarchischen Pflichten legt, hat er die Staatsgeschäfte einem königlichen Rat übertragen, der von allen Karuanern für jeweils 5 Jahre demokratisch gewählt wird Dieser Rat entscheidet auch über jeden Neubürger.
Das Leben auf Karú ist für alle kostenlos. Grund kann man nicht erwerben. Die Währung ist der virtuelle Karú-Dollar. Er entspricht jeweils dem Wert einer Arbeitsstunde.
Wer auf Karú Geld ausgeben will, der muss es vorher dort verdienen.
Zum Beispiel mit der virtuellen Gestaltung von Banknoten, deren Ausgabe und Kontrolle usw. Oder mit der virtuellen Gestaltung von Reise-Pässen und deren Vergabe.
Ein “Kommunikations-Ministerium” ist zu besetzen. Und das braucht natürlich Briefmarken ! Ein “Presseamt” mit täglich erscheinendem Bulletin, ein “Einwohnermeldeamt” u.v.a.m. Aber, Leute, wir wollen auf Karú um Gottes Willen keine Bürokratie ! Da sei König Claudio I. vor. Wir wollen uns in erster Linie des ungebundenen, freien Lebens erfreuen. Dafür müssen wir ein klein wenig was tun. Okay. Und wir brauchen ein paar Regeln, damit das Ganze nicht zum Irrenhaus wird. Aber es soll vor allem Spass machen.
Abenteurer, die das Innere der Insel erforschen und kartographieren. Architekten, die aus Bambus, Treibholz und Palmwedeln tolle Häuser für uns entwerfen. Dichter, die uns Oden an Karú schreiben, Naturforscher, die Fauna und Flora der Insel erkunden.
Eine eigene Karú-Mode, eine eigene Musik, eigene Fruchtbarkeits- und Regentänze, vielleicht sogar eine neue, eigene Religion.
Noch ist Karú menschenleer. Die ersten Einwanderer werden erwartet. Noch gibt es auf Karú keine Kneipe, keine Disco, keinen Puff. Nur seltsame Vögel zwitschern und merkwürdige Laute ertönen nachts aus dem Urwald. Und ab und an soll irgendwo süsslich duftender Rauch aufsteigen.

Lass Dich ein auf das grosse Abenteuer eines neuen Lebens im Cyberspace. Schick eine E-mail an gomeranews@arrakis.es . Unter dem Stichwort Karú melden wir uns. 

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